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19.-21.7.2022

Von Köpenick nach Stienitzsee, nicht weit im Osten ausserhalb Berlins

Die Deutsche Treuhand, eine fast unmögliche Aufgabe

Von der Müggelspree (KM 2) über den Grossen Müggelsee nach Rahmensdorf (KM 12) durch kleine Kanäle mit viele Badenden und Freizeitkapitänen in die Rüdensdorfer-Gewässer (KM 0), durch den Dämmritzsee, den Flakensee, den Kalksee und in den Stienitzsee (KM 13).

Es ist wunderbar, wir können mit vielen Menschen sprechen. Das ergibt sich zum einen mit den Wasserfahrbegeisterten, die wir an den Häfen treffen und die gerne beim Anlegen helfen und dann ergibt sich mit vielen ein Schwatz, die sich über die Hybridtechnologie informieren wollen. Gerne heissen wir sie zur Bootsshow an Bord willkommen und laden sie ein, mit uns einen Apéro zu geniessen. Zum Zweiten sind es die unheimlich offenen Menschen auf der ganzen Reise, die einfach kommunizieren wollen und dies ganz einfach auch tun. Super. So ist uns aufgefallen, dass sich eine beachtliche Anzahl von Menschen rasch über die Politik äussert. Selten oder nie hört man positive Aussagen. Es kommen meist negative Aussagen über die Politik zu Tage. Was uns aufgefallen ist, dass es eigentlich egal ist, wer an der Regierung ist. Parteien kommen in den Aussagen eigentlich gar nie vor, dies müsste doch zurzeit betont werden hat, es doch kürzlich von der eher bürgerlichen Grossen Koalition zu Links/Grün/Liberal gewechselt. Kein Wort zu: nun kommt es besser oder jetzt geht es erst Recht bergab. Klar, dass sich politisch engagierte Menschen differenzierter ausdrücken. Aber es ist einfach unser Gefühl, dass wir viel Regierungs-Bashing hören. Interessant ist, dass wir dies in den alten und neuen Bundesländern etwa gleich wahrnehmen. Nur jetzt im Osten in den neuen Bundesländern wird zusätzlich die Treuhand fest kritisiert, sie habe alles falsch gemacht und der Westen habe sich alles unter den Nagel gerissen, so die Aussage diverser Gesprächspartner im Osten von Berlin. Um die ganze Sache besser zu verstehen, haben wir uns in das Thema eingelesen.

Kurz vor der Wende, also noch vor dem Ende der DDR wurde die Treuhand in der DDR gegründet, mit der Aufgabe, die VEB’s, also die Volkseigenen Betriebe, in die westliche Marktwirtschaft überzuführen. Die Idee, die Arbeiterschaft als Eigner dieser Unternehmen mit einer Art Anteilscheinen zu beteiligen, wurde bald fallen gelassen. Man setzte die Strategie mit schneller Privatisierung, Förderung von überlebensfähigen Organisationen und Auflösung oder Zerschlagung von nicht weiterführbaren Unternehmen als Ziele fest. Die schiere Unmöglichkeit dieser Aufgabe sollte sich dann in kurzer Zeit zeigen. Zudem waren die ökonomischen Zahlen der Ex-DDR-Betriebe zur Zeit der Wende mehr als schlecht aufgestellt. Das BIP war ungefähr fünfundsiebzig Prozent kleiner als in der damaligen BRD, in vielen Betrieben waren fünfzehn Prozent zu viele Mitarbeitende angestellt und im Sinne von technischen Verlusten waren die meisten Unternehmungen ganz schlecht aufgestellt, wurde doch fast jahrzehntelang nicht oder viel zu wenig investiert. Ohne massive Veränderungen war nicht an eine Konkurrenzfähigkeit in westlichen Märkten zu denken. Die Treuhand musste 8500 Betriebe mit total 4.5 Mio. Mitarbeitenden privatisieren, unterstützen oder auflösen. Rein theoretisch mussten alle Betriebe auf eine fünffache Leistung getrimmt werden. Da reicht einfache Umorganisation schon lange nicht mehr. Aus Sicht der Ostler seien aber viele funktionierende Betriebe unnötig zerschlagen worden. Ich weiss aber nicht, ob mit 45 Jahren planwirtschaftlicher Erfahrung eine marktwirtschaftliche Beurteilung überhaupt möglich ist. Ich sag das Mal provokativ: in der ganzen DDR konnte wohl niemand eine Offerte oder eine Bewerbung erstellen. Ebenfalls ist es aus arbeitspsychologischer Sicht fast undenkbar, mit bestehendem Personal eine fünffache Leistung zu erbringen. Da ist so alles anders als vorher, dass eine Auflösung und ein Neubeginn in neuer Struktur sinnvoller erscheinen. In einer neuen Firma kann keiner mehr sagen, «das haben wir bisher aber anders gemacht,» dann ist alles neu, die Kollegen, die Prozesse, die Methodik und die Führung. Es hat auch nicht alles funktioniert, auch neue Organisationen sind wieder verschwunden. Aber das gehört zum Spiel. Dass bei Menschen, die zweimal in ihrem Leben eine Wende ertragen mussten, eine Staatsverdrossenheit vorhanden ist, ist mehr als verständlich.

Erstaunlich ist, dass die DDR bereits sehr früh ökologische Ziele mit entsprechenden Umweltämtern installiert hatte. Die hehren Ziele wurden meist fallen gelassen, da die planwirtschaftlichen Vorgaben nicht reichten, um die Produkte des täglichen Bedarfs, geschweige denn etwas darüber hinaus, das heisst Luxus für die ganze Gesellschaft zu erzeugen. Nach der Wende mussten viele ökologische Sanierungen im ganzen Gebiet an die Hand genommen werden, wurden aber erstaunlich rasch innert etwa zehn Jahren erreicht, nicht zuletzt auch durch Schliessung derb umweltverschmutzender Betriebe.

Nun ist es mehr als dreissig Jahre her oder eine Generation später. Es ist noch nicht alles dort, wo es sein könnte und gewünscht wäre. Aber es ist auf gutem Weg.

About the author

Chrigel Hunziker und Marianne Ott