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24.-25.08.2021

Oberhausen - Herne

Vom Wandelversuch von der Montanindustrie zur Dienstleistungsgesellschaft im Ruhrgebiet

Oberhausen, der Name kam mir gleich sehr bekannt vor. Ich musste nicht lange überlegen, war das doch der Flughafen im Alister McLean-Klassiker «Where Eagles Dare» oder «Agenten sterben einsam», dem spannenden 2. Weltkrieg-Thriller, der 1968 in den österreichischen Alpen mit Richard Burton und Clint Eastwood gedreht wurde.

Aber dieses Oberhausen ist etwas anderes, steht im Ruhrgebiet und ist beispielhaft für viele Städte und Gemeinden in der durch den Kohlebergbau geprägten Gegend. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts begann der Untertage-Kohleabbau in dieser Region, die heute mit über fünf Millionen Menschen der grösste Ballungsraum Deutschlands und der viertgrösste in Europa ist. Lange hat der Bergbau die Wirtschaft in diesem Gebiet vorangetrieben. In über 200 Zechen (Untertage-Bergbau-Anlagen) wurde das schwarze Gold unterirdisch abgebaut. Übrigens eine Zeche bedeutete damals den Zusammenschluss mehrerer Personen, die miteinander einen Bergbau betrieben, die eine Einlage – eben eine Zeche - in die bergrechtliche Gewerkschaft bezahlten und dafür das Recht erhielten, die Anlage zu betreiben. Heute ist die Zeche ein umgangssprachlicher Ausdruck für die Bezahlung einer Rechnung in der Beiz oder taucht bei Nichtbezahlung der Konsumation als Zechprellerei wieder auf.

Mitte des 20igsten Jahrhunderts begann der Niedergang des ruhrischen Bergbaus. Umweltrelevante Gründe, wie Schwefel Austrag, der zusammen sich mit Regen sich zur schwefligen Säure entwickelte, sowie grosse Gefahren für die Menschen, die im Bergbau tätig waren, und natürlich die Kosten führten zu Schliessungen der Zechen, gab es doch mehrere Grubenunglücke durch Zusammenbruch der Gänge, wobei viele Menschen ums Leben kamen. Es hat aber doch noch sechzig Jahre gedauert, bis Ende des Jahres 2018 das letzte Stück abgebauter Kohle an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, als Symbol für das Ende einer für Deutschland massgebenden Industriegeschichte übergeben wurde.

Die deutsche Kohle-Geschichte ist aber damit noch lange nicht zu Ende, sind doch durch die Untertage-Abbauten im ganzen Gebiet Senkungen von über zwanzig Metern entstanden. Selbstredend entstanden nicht nur Schäden an Gebäuden, sondern ganze Gebiete sind von den Senkungen betroffen. Diese haben dazu geführt, dass diese Territorien teilweise unter die Lage der Kanäle, Flüsse und weiterer Gewässer zu liegen gekommen sind. Mit über zweihundert Pumpanlagen wird das Gebiet nun entwässert beziehungsweise wird das Wasser in die höheren Niveaus gepumpt, sodass dieses dann auch wegläuft. Oder anders gesagt, wenn diese Pumpen ausfielen, stünde ein rechter Teil eines des am dichtesten besiedelten Ballungsgebiets Europas unter Wasser. Die jährlichen Kosten für diese Schadensbegrenzung beläuft sich je nach Herkunft der Angaben zwischen 100 bis 220 Mio. Euro pro Jahr. Schon fast sarkastisch werden diese Ausgaben als Ewigkeitskosten bezeichnet. Wer das dann mal weiterbezahlt, wenn sich die Bergbaugesellschaften zurückziehen, steht in den Sternen – bzw. es wird natürlich der Staat sein. Fast nicht zu glauben. Ich kaufe hier natürlich kein Land.

Also in Oberhausen angekommen, legten wir im Hafen nicht gerade lauschig an der Pier an, zwischen Autobahn und Shopping-Center, dem grössten in Europa nach seinen Angaben. Eben dieses grösste Einkaufszentrum von Europa hat aber nicht mal einen Lebensmittelladen. Man kann also weder ein Stück Wurst noch ein Bier oder etwas Senf kaufen. Dafür hat es 25 Schuhläden. Schwierig zu sagen, ob das funktioniert. Auf alle Fälle sehen die Dutzenden angebauten Beizen nicht alle sehr zukunftsfähig aus. Der Strukturwandel von der Montanindustrie (Kohle und Stahl) zum Dienstleister und zum Kulturgebiet war und ist ein sehr schwieriger. Denn die meisten Menschen hatten hier weder einen hohen Bildungsabschluss noch eine gute Ausbildung, war doch im ganzen Ruhrgebiet vor den siebziger Jahren nicht eine einzige Universität ansässig. Aber auch Kultur, Landschaftspflege und Angebote der Naherholung waren vernachlässigt worden. Die Natur war zersiedelt und zerstört. Sucht doch auch Oberhausen nach Fortsetzung mit diesem Areal. Mit grossem Einkaufszentrum heisst in diesem Gebiet «Neue Mitte», es beinhaltet zwar eine Sealife Museum, ein hundertzehn Meter hohen Gasometer als Ausstellungsraum und ein Legoland aber keine Wohnung und man kann keine Gurke, kein Radieschen und kein Knäckebrot kaufen.

Nun heisst es aber weiter auf dem Kanal und wir fuhren von Oberhausen nach Herne auf dem Rhein-Herne -Kanal bis nach Herne bei Kilometer 38.

Auch unser Fritz, der mit uns die Reise durch das Ruhrgebiet macht, und hier in Herne aufwuchs, musste aus Gesundheitsgründen die «Schwarze Lunge» verlassen. Er habe in seiner Jugend nicht viel vom blauen Himmel gesehen. Das Ruhrgebiet hat heute noch eine der grössten Arbeitslosen-Quoten in ganz Deutschland. Auf dem Kanal fuhren wir weiter nach Herne

Heute kurz nach dem Frühstück sind Barbara und Fritz mit dem Taxi nach Bochum gefahren und haben einen Zug erwischt, der sie bis 16.00 Uhr nach Winterthur brachte.  Wir haben die kurzweiligen Tage auf dieser Reise durch das Ruhrgebiet und damit auch durch die Vergangenheit von Fritz sehr genossen.

 

About the author

Chrigel Hunziker und Marianne Ott