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Ein Schiff ist ein MRC

 

Und wieder zurück in Berlin - Saisonstart 2022

Ein Schiff ist ein MRC

Endlich wieder in Berlin. Meyne Marianne und ich hatten den Winter in Winterthur verbracht. Wo sonst. Nicht dass uns unsere Heimatstadt gelangweilt hätte. Nein, gar nicht. Wir lieben die Stadt an der Eulach, obwohl man diese fast nicht sieht, weil eingedohlt und an der etwas grösseren Töss, die man auch fast nicht sieht, weil sie zwar im Osten auf das Stadtgebiet trifft und durch einen tiefen Wald praktisch der Grenze entlang neben einem langen Wanderweg verläuft und dann im Westen die Stadt der Gärten und Künste wieder verlässt. Also Wasser ist uns wichtig, darum sind wir auch als passionierte Wasserfahrer mit unserer Parcosola auf den Wasserstrassen Europas unterwegs. Und das Schiff hat eben seinen Winterschlaf in Berlin verbracht. Wir sind also einfach zu unserem Schiff zurückgekehrt. Auf den ersten Blick klingt Berlin nicht gerade nach einem Wasserurlaub. Da kann man sich aber täuschen: Berlin hat mehr als doppelt so viele Brücken wie Venedig. In Berlin sind es 900 und in der italienischen Stelzen-Stadt gerade mal 400. Klar ist Venedig kleiner, aber Berlin nimmt man einfach etwas weniger als Wasserstadt wahr, obwohl in dieser Hauptstadt innerhalb der Stadtgrenzen die Spree, Dahme, Havel und einige Nebenwasserläufe wie Panke, Fredersdorfer Fliess, Tegler Fliess und Nordgraben fliessen. Mit den vielen Verbindungskanälen weist das Stadtgebiet gut 250 Kilometer Wasserstrassen auf. Von den vielen Seen haben wir noch gar nicht gesprochen, der berühmteste See Berlins ist der Wannsee, also mindestens für die Rockfans, haben doch die Toten Hosen einen ihrer Gassenhauer als Wannsee betitelt.

Am Schiff wurden im Winter einige Reparaturen vorgenommen. Neben den normalen Winterarbeiten wurde ein Sturmschaden vom Dezember behoben. Natürlich stand das Schiff in voller Pracht gereinigt und poliert in der grossen Werkhalle, bereit zum Slippen. In der Halle macht das Teil schon Eindruck, mit seinen über fünfzehn Metern Länge, vier Meter sechzig Breite und den fast sechs Metern Höhe bis zur Nachtsichtkamera. Nach einigen Tests im Wasser fuhren wir an unseren Hafenplatz. Aber oh weh. Mit den Lithium-Ionen Batterien stimmt was nicht. Irgendwie haben sie eine Tiefenentladung erwischt, und sie machen keinen Wank mehr. Da muss der Fachmann ran. Da können wir nichts mehr tun. Gut ist so ein Bord-Elektroniker an diesem Hafen ansässig. Mal schauen, was defekt ist. Mit Diesel funktioniert das Teil auch. Einfach typisch Boot. Da ist immer etwas defekt. Ein Wasserfahrzeug ist eigentlich ein MRC ein Money to Repair Converter.

Tags darauf suchten wir die nächste ÖV Station. Diese fanden wir etwa nach zwanzig Minuten Fussmarsch über einem Berliner Hügel. Es gibt auch echte Berliner Berge, einige davon sind aber künstliche Anhebungen, die nach dem zweiten Weltkrieg mit den Trümmern der zerschossenen Stadt als Deponie aufgebaut wurden. Irgendwie ist das Spazieren über diesen Untergrund mit etwas Schaudern verbunden. Im Moment sind wir in der Ukraine nicht so weit von dem entfernt. Der Bus fährt uns mit einer halbstündigen Fahrt direkt zum Bahnhof Zoo oder eben Zoologischer Garten und mitten nach Berlin. Noch zwei Stationen mit der S-Bahn und wir verliessen den ÖV am Hauptbahnhof der Deutschen Bahn. Ein imposanter Bau, er gilt als wesentliches Bauwerk in Form eines Etagen- der Turmbahnhofs, bei dem auf vierzehn Bahnsteigen auf vier Ebenen Fern- und Intercity-Züge, Regionalzüge, U- und S-Bahnen sich kreuzen und das Umsteigen auf andere Linien mit Rolltreppen ist bequem. Mit 330 000 Reisenden ist dieser Bahnhof der viertgrösste Deutschlands. Einfach so zwischendurch:  der Hauptbahnhof Zürich ist mit seinen fünfundzwanzig Gleisen und 460 000 Reisenden auch nicht schlecht. Der sehr transparente, von Meinhard von Gerken gestaltete Gebäudekomplex ist von den zwei sich kreuzenden Glashalbschalen, welche die Hauptzuglinien symbolisieren, bis zur untersten Ebene mit den einfahrenden Intercityzügen überall offen. Verbindungen sind über Brücken gelöst. Diese Offenheit machen die Grösse dieses Bauwerkes erst richtig sichtbar.

Kaum verlassen wir das Bahnhof-Gebäude durch den Haupteingang, sticht uns der nächste architektonische Leckerbissen ins Auge. Cube Berlin sein Name. Das zehngeschossige Würfel-Gebäude mit einer Schenkellänge von über vierzig Metern, komplett aus einer nach innen vollflächig gefalteten fast schwarzen Glasfassade mit anscheinend willkürlichen angeordneten schrägen Knicken, verdeckt Aussenräume auf allen Geschossen und spiegelt die Umgebung wie ein Kaleidoskop. Ein Eyecatcher besonderer Art. Exzellent.

Dann über die Spree, natürlich auf dem Fussweg zum Kanzleramt. An der Schweizer Botschaft geht da kein Weg vorbei. Mehr mittendrin geht nicht. Vis-à-vis des Kanzleramtes sind Hunderte Büros der Abgeordneten des Bundestages. Ein paar Schritte weiter stehen wir bereits auf der Wiese des Reichstages. Ein symmetrisches Bild muss genau von der Mitte geschossen werden. Da merkt man erst so richtig die Grösse dieses Bauwerkes mit der einmaligen Kuppel aus Stahl und Glas. Sir Norman Forster gestaltete in Anlehnung an eine ehemalige Kuppelversion diese transparente Halbkugel, die den Plenarsaal mit Tageslicht versorgt. Auf zwei entgegenlaufenden Rampen können darin Zuschauer, ohne sich zu begegnen, den Zenit der Kugel erklimmen und wieder zum Ausgang spazieren. Vor all diesen Gebäuden wird die Demokratie und Meinungsfreiheit wirklich zelebriert. Von Schwurblern, Reichsbürgern, solchen, die die deutsche Fahne verkehrt zeigen, Querdenkern, Kriegsgegnern und solchen, die sagen, wir leben in einer Diktatur oder im Faschismus, können hier frei und sogar von der Polizei geschützt ihre Meinung äussern und demonstrieren.

Gegen den Abend schlenderten wir durch das Brandenburger Tor. Nicht weit davon entdeckten wir das Hotel Adlon. In dieser weltberühmten Nobelabsteige wollten wir uns eine Aperitif und einen kleinen Edel-Snack genehmigen. Dieses wie viele andere Gebäude wurden nach der Wende völlig neu aufgebaut.

About the author

Chrigel Hunziker und Marianne Ott