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15.7.2022

Noch eine Stadtwanderung

Wenig Autozukunft, kein Champagner, Ampelmännchen und Hummerbar

Mit der U-Bahn vom Hafen Tempelhof bis in die City zur Haltestelle Stadtmitte, dann schreitest du direkt auf die Friedrichstrasse. Nicht gerade ein Einkaufsort für Hartz IV-Empfänger. Die Einkaufshäuser balgen sich hier um Design, Luxus und Architektur. Dann links abbiegen und Unter den Linden Richtung Brandenburgertor, durch den Tiergarten am Haus der Kulturen vorbei zum Schloss Bellevue, durch die Botschaften-Meile zum Wittenbergplatz und zum grossen Kaufhaus.

Gleich zu Beginn der heutigen Stadtwanderung trafen wir an der Friedrichstrasse auf das Volkswagen Forum «ahead» in Verbindung mit halbmetergrossen Lettern «Transformation». Zuerst sind wir vorbeigelaufen, doch die zukunftsorientierten und an die Fenster geklebten Worte haben uns in die Ausstellung gezogen. Gerade beim Eingang stand ein Skoda Familienwagen, sagen wir mal aus den Sechzigern. Hei, die waren noch richtig klein. Mit solchen Fahrzeugen geht man heute nicht mal mehr Zigaretten kaufen. Ich denke, ich muss nicht immer alles lesen, aber wieso stellt ein Konzern beim Eingang ein Fahrzeug aus, das sie nicht im Geringsten selbst hergestellt hatten. Der VW Konzern hatte erst kurz vor der Jahrtausendwende das Engagement bei Skoda begonnen. Aufgezeigt wurde die heutige Van- oder SUV-Welle mit dem Bully (VW Bus), der aber in der damaligen Zeit einen ganz anderen Status innehatte. Auch die Entwicklung der selbsttragenden Chassis und die Allradgeschichte des Audi quattro präsentierte die Exposition. Alles Geschichte. Das ist o.k, aber in den Schaufenstern wurden ahead und Transformation angesagt. Das ist eher Technorama oder Deutsches Museum. Ahh, da geht noch ein Gang nach hinten. Da steht ein Cupra. Ich musste praktisch auf dem Beipackzettel nachschauen, was das für ein Fahrzeug ist, und es war ein E-Fahrzeug. Wenn ein Konzern mit über vierhunderttausend Mitarbeitenden, nach seinen Angaben führend in der Branche, mitten in Berlin eine Zukunfts-Ausstellung zelebriert, in der das E-Auto praktisch nicht vorkommt, hat er die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Da kommt mir gerade eine Aussage eines VW Managers in den Sinn. Gut, es ist einige Jahre her, aber er meinte am Deutschen Fernsehen, das mit der E-Mobilität gehe nicht, denn «was sollen wir dann mit den vielen Zündkerzen machen?» Vielleicht endete hier die Aufzeichnung der VW-Geschichte kurz nach der Jahrtausendwende, sonst hätten sie im Sinne der Innovation auch darstellen sollen, wie der Konzern versuchte, mit den beschissenen Abgaswerten die Welt zu vögeln.

Im Ampelmannladen um die Ecke kommt der Kult des DDR-Ampelmännchen zum Zug. Die witzigen Figuren, die Fussgänger und Fussgängerinnen zum Gehen oder Warten an Lichtsignalen auffordern, haben mit der heutigen Regierung nichts zu tun. Zwei Streitigkeiten sind mit diesem Kult verbunden: bereits abgelegt ist der Urheberrechtsstreit, in dem die Rechte für die Nutzung dieser Zeichen einer im Westen ansässigen Organisation zugesprochen wurde. Zweitens sind die LGBQler in Aufruhr, fühlen sich diese überhaupt nicht angesprochen durch die huttragenden Symbole. Auch ein X hinter den Piktogrammen würde für einige Verwirrung sorgen. Vielleicht wäre doch gerade diese Symbolik zukunftsfähig. Eine attraktive Lesbe mit Hut oder ein huttragender Gay könnten sich doch damit anfreunden. Die Multifunktionalen könnten ja Mal mit und Mal ohne Hut und die, die nicht wissen, ob sie ein Weiblein, ein Männlein oder eine Salatgurke sind, sollten sowieso auf der Hut sein. Ahh, übrigens: die Heteros warten einfach bei Rot.

Mitten unter den Linden stand ein Verköstigungskiosk, angeschrieben mit «Champagner, Curry-Wurst und Pommes». Das hat uns angesprochen. Ziemlich diametral. Die Curry Wurst haben wir eingenommen und den Champagner mussten wir uns denken. Den gäbe es schon lange nicht mehr. Berlin ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Smile. Und zur Wurst, ich verstehe die St. Galler immer besser, wenn sie nicht einmal Senf an ihre Wurst lassen.

Dann zum KaDeWe. Das Kaufhaus des Westens. Wieso dieses Haus 1907 so genannt wurde, ist mir schleierhaft, gab es doch zu dieser Zeit noch keinen Osten im heutigen Sinne.  Das bereits siebenmal den Mutterkonzern wechselnde Kaufhaus in der gehobenen Luxusklasse mit allen Designern und Brands der Welt, ist das bekannteste Kaufhaus Deutschlands und seine Lebensmittelabteilung gilt als zweitgrösste der Welt in einem Warenhaus. Mit der Hummer- über die Austern- bis zur Kartoffelbar werden die Gaumen und die Augenreize voll angegriffen. Da kommt dem Koch schon ein bisschen das Augenwasser.

 

About the author

Chrigel Hunziker und Marianne Ott